Die Liebe in Zeiten der Cholera. Und das Sterben in Zeiten von Corona.

„Die Liebe in Zeiten der Cholera“, der Titel eines Romans von Gabriel Garcia Márquez lässt mich fragen, wie wohl die Liebe in Zeiten von Corona ist. Persönlich kann ich keine gravierenden Veränderungen zur Liebe vor Corona feststellen. Ich war vorher schon verheiratet und bin es immer noch. Allerdings habe ich mich vor ein paar Tagen mit einer jungen Kollegin, grade mal Mitte zwanzig, unterhalten. Sie erzählte, dass sie sich als Single und dringend einen Partner suchend wegen Corona doch stark in der Findung eingeschränkt fühlt. Man könne nicht ausgehen und keine Partys feiern, also kein Land der Zweisamkeit in Sicht. Einschlägige Portale für Partnersuche seien zwar überfüllt, aber ein Date mit Maske und Abstand kann schön sein, muss aber nicht. Auch seien nicht viele bereit, zum ersten Date einen nachgewiesenen, negativen Rachenabstrich mitzubringen. Insofern hofft auch die junge Kollegin auf den Impfstoff.

Zur Liebe in Zeiten von Corona kann ich also nicht viel beitragen. Zum Sterben in Zeiten von Corona schon.

Das Jahr 2020 wird wahrscheinlich für fast alle Menschen weltweit in der Rückschau wegen des neuartigen Coronavirus im Gedächtnis haften bleiben. In irgendeiner Art und Weise sind die allermeisten Menschen betroffen. Viele sind daran gestorben, viele haben ihren Arbeitsplatz verloren, viele haben nach neuen Lösungen und Wegen für die Organisation ihrer Arbeit, ihrer Familie, ihrer Kinder im Homeschooling suchen müssen. Und manche waren vielleicht nur ganz am Rande betroffen, sie fühlten sich gestört von der Maskenpflicht, genervt vom Verzicht auf Partys und großen Veranstaltungen, geärgert über gewisse Einschränkungen ihrer Freiheit. Egal, scheinbar niemand kam wirklich vollständig an Corona vorbei.

Meine Familie und ich werden das Jahr nicht vergessen, weil drei Mütter, Großmütter und Ehefrauen gestorben sind. Meine Mutter starb im April, kurz nach dem Lockdown, an ihrer schon sehr früh einsetzenden Frontotemporalen Demenz. Die Mutter meines Mannes starb im Juli an den Folgen eines bösartigen Lungentumors und die Mutter meines Cousins starb an den Folgen mehrerer Schlaganfälle. Man möchte ja nie krank und auf Pflege angewiesen sein. Niemand möchte im Krankenhaus liegen und die allermeisten möchten auch nicht sterben. Das alles in Zeiten von Corona zu ertragen, war besonders grausam und unmenschlich.

Wir haben alle Besonderheiten der notwendigen Maßnahmen und Gesetze aufgrund von Corona erlebt. Von der Isolierung unserer Mütter in Pflegeheimen und in Krankenhäusern, der Durchführungen ihrer Beerdigungen, bis hin zu Telefongesprächen und Videocalls mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen, Ärzten und Pflegekräften gab es kaum etwas, was uns in dieser Zeit erspart geblieben wäre. Es war furchtbar.

Meine Mutter und meine Schwiegermutter mussten die Wochen und Monate vor ihrem Tod allein im Lockdown verbringen. Nur unsere Tante hatte ein bisschen Glück im Unglück, sie verstarb zuhause in ihrem Bett. Für unsere anderen beiden Mütter ging es unmenschlich und sehr einsam zu. Die Angehörigen eines Menschen im Pflegeheim durften in dieser Zeit erst zu ihm, wenn der Sterbeprozess begonnen hatte. Erfahrene Pflegekräfte können das oft bei Menschen beobachten, die dem Tod nahe sind. Bei manchen ist man aber auch nicht schnell genug. So viele Menschen sind jetzt in dieser Zeit ohne den Beistand ihrer Angehörigen verstorben.

Wir durften zu meiner Mutter in den letzten drei Tagen und Nächten vor ihrem Tod ins Zimmer. Sie starb nicht allein, wir waren bei ihr. Aber eben erst in den letzten Stunden.

Besonders hart getroffen hat es meine Schwiegermutter. Sie war bei klarem Verstand und nicht dement, als sie Anfang des Jahres von ihrer Krankheit erfuhr. Die vielen, notwendigen Krankenhausaufenthalte waren ab März für sie und uns die reinste Tortur. Immer wieder wurde sie auf Corona getestet und immer wieder bekam sie einen negativen Bescheid, sie war also nie ansteckend. Und trotzdem wurde sie nach jedem Krankenhausaufenthalt in ihrem Apartment einer Seniorenresidenz für Betreutes Wohnen unter Quarantäne gestellt. Wir durften sie also weder im Krankenhaus noch in ihrer Wohnung besuchen. Es war grauenvoll. Sie war geschwächt, todtraurig und weder ihre Kinder noch ihre Enkel durften sie in dieser Zeit besuchen, in den Arm nehmen und sich um sie kümmern.

Es gab viele Tränen am Telefon und nicht einmal das Telefonieren hat gut funktioniert. Wir haben ihr ein Handy zukommen lassen und sie konnte es nicht bedienen, war damit überfordert. Niemand vor Ort im Krankenhaus hatte Zeit, es ihr zu erklären. Es war zum Schluss Zufall, wenn sie es schaffte, den richtigen Knopf zu drücken. An solche banalen Dinge denkt man erst, wenn es einen persönlich trifft. Auch bei ihr hat der Sterbeprozess dann eingesetzt und mein Mann und seine Schwester durften zu ihr. Die beiden haben es noch rechtzeitig geschafft, ihre Mutter war nicht allein. Aber sie ist bei vollem Bewusstsein um ihr Leben und den letzten Atemzug kämpfend gestorben. Wie gern hätte sie ein paar schöne, letzte Monate im Kreis ihrer großen Enkelschar verbracht.

Wir werfen niemanden etwas vor. Wir haben in dieser Zeit mit Ärzten und Pflegekräften telefoniert, die selbst verzweifelt wirkten. Ihnen war völlig klar, wie schrecklich diese Situation des Alleinseins für die Kranken sein muss. Die Vorschriften sind streng, Ausnahmen gibt es nicht. Das ist nachvollziehbar und notwendig. Aber niemals werde ich den Anblick meines Mannes vergessen, der völlig außer sich war. Er telefonierte mit dem Krankenhausdirektor persönlich, der sich immerhin die Zeit genommen hatte und drohte an, notfalls mit Gewalt ins Krankenhaus einzubrechen. Wir wussten, wie sehr seine Mutter leidet und wie dringend sie ihn gebraucht hätte. Ein für meinen Mann unerträglicher Gedanke. Ich konnte ihn so gut verstehen. Natürlich ist er nicht mit Gewalt ins Krankenhaus eingebrochen. Letztendlich konnte er nur noch dasitzen und weinen.

Alle drei Mütter waren alt und krank. Dem natürlichen Lauf des Lebens zu Folge starben sie. Alle drei hatten ein recht langes und erfülltes Leben.

Das einsame Sterben in Zeiten von Corona fühlt sich falsch und zutiefst unmenschlich an.

Auch wenn sich manche Vorschriften mit gesundem Menschenverstand nicht in Einklang bringen lassen, sollten wir doch unbedingt daran festhalten. Etwas anderes haben wir zurzeit nicht, nur die Masken und die Hoffnung auf Impfstoff und Medikamente.